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Attra Sturmtochter
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    Attra
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    Attra Sturmtochter

    von Attra » 19.11.2009, 19:08

    Attra sitzt mit gekreuzten Beinen neben dem Haufen Felle, welche ihr Bett bilden, auf dem Boden. Ihren Kopf hat sie gegen das niedrige Regal gelehnt, das neben ihr an der Wand steht. Leicht kitzelt sie eines der Kräuterbündel am Nacken, die an groben Nägeln über ihr hängen.

    Ihre Augen sind geschlossen, sie hat den Raum auch ohne hinzusehen vor Augen. Die weichen Felle auf ihrem Lager. Der Schemel in der Ecke daneben, den sie eigentlich immer nur als Ablage für ihre Rüstung benutzt. Die alte Truhe gegen die sie immer erst treten muss, bevor die Scharniere sich öffnen lassen. Den bunten Flickenteppich auf dem Boden. Und die Kräuterbündel die von den Balken hängen, welche die niedrige Decke stützen.

    Ihre kleine Kammer, eng und nur durch das Kochfeuer erhellt. Aber doch ihre Kammer.

    Der Durchgang zur Halle wird von einem ledernen Vorhang verdeckt. In der Regel ist er geöffnet, aber heute will Attra nicht gestört werden. Sie hat nachzudenken.

    Über damals, die Zeit in den Internierungslagern.

    Und die Zeit danach.



    Es war kalt, seit Tagen nieselte es ununterbrochen. Feiner Regen, der fast wie nasser Nebel vom Himmel fiel. Ihr war kalt, die feuchte Wolldecke um ihre mageren Schultern war viel zu dünn, um sie bei diesem Wetter warm zu halten. Sie hatte ihren kleinen Kopf an die Schulter der alten Frau neben ihr gelehnt. Mutter? Großmutter? Leicht strich ihr die Hand der Frau über die Stirn, das leise Gemurmel eines Gesprächs drang an ihre Ohren.

    Das kleine Feuer, um das sich die Anwesenden scharrten rauchte und zischte kläglich im Regen. Sie zog sich die Wolldecke so gut es ging über den Kopf, der langanhaltende Regen zerrte an ihren Nerven.

    Ruhig, ruhig meine Kleine. Das ist nur Wasser. Kannst du hören was es sagt?

    Sie kuschelte sich lächelnd enger an die Frau neben ihr, schloss die Augen und lauschte. Sie konnte die fluchenden Wachen hören, wie sie auf den Mauern, die das Lager umschlossen patrouillierten. Ihre Stiefel verursachten einen unangenehmen Klang auf dem nassen Stein. Zwei Wachen waren beieinander stehen geblieben und unterhielten sich leise. Sie versuchte herauszufinden, was die beiden Männer sagten, aber die Worte blieben ihr unverständlich. Nur der Tonfall war unverkennbar. Dreckiges Wetter, dreckige Orcs. Ich wünschte, ich müsste jetzt nicht Wache halten sondern wäre bei … Ihre Aufmerksamkeit wanderte weiter. Diese Wachen waren nicht weiter interessant. Sie lauschte dem Regen. Plitsch. Platsch. Plitsch. Attra, Attra. Versteck Dich nicht vor mir, ich will Dir nichts, und wenn ich wollte, würde Dir auch die Wolldecke nichts nützen. Plitsch, platsch. So klang es, wenn die feinen Tropfen auf den Boden aufschlugen.

    Das kleine Mädchen kicherte, was ihr einen scharfen Blick der alten Frau einbrachte, an welche gelehnt sie immer noch saß. Aber das Mädchen hatte die Augen immer noch lauschend geschlossen. Das Wasser wollte spielen, fand es durchaus lustig allen Menschen und Orcs solange zu zusetzen, bis sie wünschten sie hätten Kiemen.

    Das Mädchen ließ die Decke von ihrem Kopf rutschen und streckte die Zunge in den Regen, um einige Tropfen aufzufangen. Sie leckte sich über die Lippen und schmiegte sich wieder an die alte Frau, die nun wieder ins Feuer starrte. Das Feuer. Attra konnte hören, wie es wütend auf das Wasser war , wie es ums Überleben kämpfte und sich hustend und rauchend dagegen wehrte, zu erlöschen.

    Die alte Frau blickte mit einem zärtlichen Lächeln auf das Mädchen nieder. Ein starker Wille, hörst Du meine Kleine? Ein starker Wille lässt Dich durchhalten. Du musst sein wie das Feuer, Dich dagegen stemmen, wenn ein Größerer Dich gegen Deinen Willen zu etwas zwingen will. Hörst Du? Ein starker Wille. Sie blickte kurz zu der Frau hoch, lächelte und schloss dann wieder die Augen. Lauschte. Lauschte dem Brummen der matschigen Erde, auf der sie saß. Dem gesprächigen Säuseln des Windes, der durch die Bäume außerhalb des Lagers pfiff. Dem plätschernden Regen, dem fauchenden Feuer. Aber da war noch etwas. Etwas das …Sie dachte darüber nach. Und schlief darüber ein.

    Der Regen tropfte beständig auf ihr junges Gesicht, in welches das Alter noch keine Falten gegraben hatte. Die alte Frau neben ihr legte schützend ihren Arm um sie und schloss ebenfalls die Augen. Da waren Geschichten im Wind, die der Kleinen entgangen waren.

    Geschichten von Zerstörung.

    Und Freiheit.



    Sie erwachte. Es war Nacht. Lärm. Schreie. Was ist passiert? Eine Hand zerrte sie hoch. Mutter! Sie stolperte hinter ihr her, kaum nahm sie wahr, was passierte. Etwas brannte. Eine der Baracken der Wachen? Der Feuerschein beleuchtete gespenstisch die Nacht. Brüllende Menschen versuchten sie aufzuhalten. Aber ihre Mutter zerrte sie einfach weiter. Dann ein dumpfes Grollen, und die Mauer brach ein. Durch diese Lücke drangen Orcs in das Lager, viele Orcs. Sie waren bewaffnet, schlugen auf die Wachen ein. Nur einen kurzen Blick erhaschte Attra auf die, die sie befreiten. Drückte panisch die Hand ihrer Mutter. Verlass mich nicht! Ich hab Angst! Was passiert hier? Und dann waren sie auch schon aus dem Lager hinaus, rannten über das Gras auf den nahen Waldrand zu. Einen kurzen Blick warf das verängstige Mädchen noch über ihre Schulter, dann wurde sie von der Frau zwischen die Bäume gezerrt und das Lager, in dem sie so lange Zeit mein ganzes Leben verbracht hatte, verschwandt aus ihrem Sichtfeld.
    Zuletzt geändert von Attra am 08.12.2015, 15:14, insgesamt 2-mal geändert.
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    von Attra » 19.11.2009, 19:10

    Die Beiden saßen unter einem Baum. Unter einem Baum im Wald. Attra konnte das Moos unter ihren nackten Füßen spüren. Wohlig vergrub sie die Zehen im Waldboden. Dieser Wald. Das hier. Das war Heimat.

    Wenn sie die Nase in die Luft streckte, konnte sie das Leben riechen. Das leicht holzige der Bäume, das Laub auf dem Boden, die raschelnden Farne. Und hier und dort ein Tier, das durchs Unterholz huschte. Den Himmel sah man nur an einigen Lichtungen über den Wipfeln aufblitzen, der Wald lag im satt grünen Dämmerlicht.

    Das Mädchen und ihre … Mutter? Großmutter? …saßen unter einem Baum. Die Blätter über ihren Köpfen rauschten beruhigend. Hier seid ihr sicher, hier passiert euch nichts. Zwischen den beiden lag ein Haufen Wildlauch, einige Handvoll Beeren und ein Paar braune Wurzeln, an denen noch die Erde in dicken, braunen Klumpen hing.

    Die Ältere war damit beschäftigt einen Hasen zu häuten. Geschickt balgte sie ihn mit einem kleinen Kupfermesser ab.

    Die Jüngere unterdessen kniete vor einem Kreis aus Steinen, in welchem sie trockene Äste und Laub aufgeschichtet hatte. Ihre Stirn hatte sie ernsthaft gerunzelt, während sie sich mit Feuerstein und Zunder abmühte. Irgendwann verirrte sich, fast mehr aus Zufall, ein Funken auf den trockenen Baumschwamm, der Attra als Zunder diente und mit leuchtenden Augen blies sie vorsichtig auf den Funken, der Zunderschwamm glomm auf und das Mädchen legte ihn vorsichtig, fast ehrfürchtig zwischen die Blätter in den Steinkreis. Während sich das Feuer durch das trockene Laub fraß, legte sie kleine Äste und Stöcke nach, bis irgendwann ein kleines Feuer vor ihr prasselte.

    Neugierig drehte sie sich zu der Älteren um.

    „Mutter, kann ich Dir noch helfen?“

    Lächelnd schüttelte die Andere ihren Kopf, der Hase war abgebalgt, mit Kräutern, dem Wildlauch und den Wurzelstücken gefüllt und wartete nur noch darauf, über das Feuer gehängt zu werden.
    So auf einen Ast gesteckt, dass die Flammen des Feuers grade nicht an das blutige Fleisch kamen, würde der Hase langsam garen. Die Ältere wischte sich die Blut verschmierten Hände an dem Moos ab, auf dem sie saßen, warf noch einen Blick auf den Hasen über dem Feuer und wandte sich dann dem Mädchen zu.

    „Wollen wir ein Spiel spielen, bis das Fleisch gar ist?“

    Begeistert nickte das Mädchen.

    „Das Wolkenspiel?“

    Auf ein leichtes Nicken der Älteren hin ließ sich Attra hintenüber auf den Waldboden fallen, schloss die Augen und faltete fast andächtig die Hände auf der Brust. Sie lies ihre Gedanken nach hoch oben wandern. Zu den Bäumen, den Baumwipfeln und noch weiter. Ihr war, als würde sich etwas von ihr aufschwingen, durch die Wipfel fliegen, die Blätter streichen, und dann über dem Wald heraus kommen. Und sie sah durch diesen Teil von ihr den Himmel. Leise hörte sie die Stimme der Alten neben ihrem Ohr.

    „Was siehst Du meine Kleine, was siehst Du in den Wolken?“

    Attra schwebte durch die Wolken, durch den Himmel. Sie konnte nach den wattig weichen Wolken greifen. Dort drüben war eine, die ganz genau so aussah wie ein Adler. Und eine die eine Burg sein könnte. Und dort! Eine Blume! Und was war das? Attra bewegte sich schneller auf diese merkwürdige Wolke zu. Ein …Mensch? Nein …ein Orc? Aber wer? Die Gestallt drehte ihr kurz den Kopf zu, fast meinte das Mädchen er …sie …es …lächelte ihr zu, dann wand sich der Wolkenorc ab und zerfaserte in der Luft.

    Die sanfte Berührung warmer Hände holte sie auf den Waldboden zurück. Schnuppernd schlug sie die Augen auf. Ist das Essen denn schon fertig? Lachend blickte sie in die sanften Augen der Alten.

    „Mutter Du glaubst nicht, was ich gesehen habe! Da war einer …“

    Das Gespräch der beiden verlor sich im Wald.
    Zuletzt geändert von Attra am 08.12.2015, 15:18, insgesamt 1-mal geändert.
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    von Attra » 20.11.2009, 17:23

    Sie saß an einem See, im kristallklaren Wasser spiegelte sich die Sonne. Geblendet beschattete sie ihre Augen mit der Hand über blickte über das Ufer. Im sandigen Boden sah die die Abdrücke einiger Tiere die hier zur Tränke gegangen waren.

    Sie legte ihr kleines Bündel beiseite, zog sich ihren Fellkittel über den Kopf und watete nackt in das Wasser. Ihre hellgrüne Haut überzog eine Gänsehaut, während sie tiefer in das eiskalte Nass stakste. Zitternd rieb sie sich über die Oberarme.

    Sie hatte die Schwelle von Kindheit zum Erwachsenenalter grade eben überschritten. Noch zeugten ihre schlaksigen Arme und Beine davon, dass sie mehr Kind als Frau war, aber noch ein, zwei Jahre und sie würde von sich als „Frau“ sprechen.

    Als ihr das Wasser bis zum Bauchnabel reichte, blieb sie stehen, nahm die verschränkten Arme herunter und ließ die Hände laut klatschend auf das Wasser fallen. Kristallene Tropfen flogen um sie herum, während sie durch das Wasser patschte. Jauchzend und zähneklappernd warf sie sich in das Wasser, tauchte unter und schwamm dann mit langen Zügen auf die Mitte des Sees zu.

    Die Sonne ließ ihre nachtschwarzen Haare bläulich schimmern.

    Mit einem letzten, aufjauchzenden Lachen tauchte sie unter. Langsam beruhigte sich die aufgewühlte Wasseroberfläche. Dann tauchte sie nach Luft japsend und Wassertropfend versprühend wieder auf und schwamm nun mehr gemütlich zurück zum Ufer.

    Und erstarrte mitten in ihren Schwimmzügen.

    Ihr Beutel lag offen, nach rechts und links flogen immer wieder ihre spärlichen Besitztümer in die Luft. Sie schwamm schneller, erreichte das Ufer und machte große Augen, als sie den Übeltäter sah.

    Die braunen, herzigen Augen eines Wolfwelpen blickten sie groß an. Seine Nase immer noch in ihren Sachen schien er herausfinden zu wollen, ob die grüne Gestalt, die grade aus dem Wasser watete, ihm gefährlich werden würde.

    „Grrr-ruff!“

    Der Welpe legte den Kopf zwischen seine Vorderläufe und schien auf sie zuspringen zu wollen.

    „Gruff! Ruff!“

    Sie kniete sich verwundert auf den sandigen Boden, der den See umgab. Blickte dem Wolfwelpen musternd in die Augen und ein erkennendes Lächeln breitete sich über ihre Lippen aus.

    „Lo?“
    Zuletzt geändert von Attra am 08.12.2015, 15:21, insgesamt 1-mal geändert.
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    von Attra » 20.11.2009, 17:59

    Die junge Orcin drückte ihre Wange gegen die der Alten. Gegen die Wange ihrer Mutter? Ihrer Großmutter? Sie hielt ihr Gesicht abgewandt, damit die Alte den Schmerz in ihren Zügen nicht sah, nicht die stille Träne, die ihr die Wange herunter rann.

    Die beiden saßen in einer Höhle. Ein kleines Feuer rauchte im Inneren vor dem Eingang. Ein Flickenteppich aus verschiedenen Fellen sorgte dafür, dass die kalte Winterluft von draußen nicht ins Innere gelangte. In einer Ecke, nicht weit entfernt vom Feuer, leuchteten die gelben Augen eines Wolfes aus dem Dämmerlicht. Er lag still auf dem Boden, den Kopf auf die Vorderpfoten gebettet und musterte die beiden Frauen.

    An der hinteren Wand der Höhle lag eine Strohschütte, darauf ein Haufen Felle, und unter diesen Fellen - sorgsam zugedeckt - die Alte.
    Die junge Orcin beugte sich über sie, die Arme um ihren Hals geschlungen, Wange an Wange in inniger Vertrautheit. Die Alte starb.

    Attra konnte fühlen, wie das Leben aus ihr heraus rann. Wie Wasser aus einer lecken Schüssel floss es hinaus. Hätte es in der Macht der jungen Orcin gestanden, sie hätte den Funken Leben mit Gewalt zurück in den Körper der Alten gepresst. Aber sie wusste, alles starb irgendwann. Und nur weil sie nicht wusste, wie sie ohne die Alte weiterleben sollte, machte das ihren Wunsch nicht weniger vermessen.

    Die Hand der Alten strich Attra sacht über den Rücken. Tätschelte sie, als würde sie ihr ein letztes Mal zeigen wollen, sie wäre nicht allein.

    „Ksssh, nicht weinen meine Kleine, meine Süße, mein Kind. Ich werde für Dich da sein, ich versp…“

    Der Rest des Satzes wurde von einem neuerlichen Hustenanfall unterbrochen. Matt sank die Alte in die Felle zurück, ihr Blick irrte flackernd durch die Höhle.

    „Du musst gehen, Kind. Hörst Du?“

    Sie hob erschöpft die Hand, und versuchte Attra davon zu scheuchen.
    „Du musst mich hier …lassen.“

    Wieder Hustete die Alte, spuckte dabei dunkles Blut aus ihrer Lunge hervor. Fiebrig glänzten ihre Augen, als sie die Junge ansah.

    „Geh!“

    „Nein! Mutter! Ich kann Dich nicht hier lassen, ich …“

    Die Alte brachte Attra mit einer zornigen Geste zum Schweigen.

    „Du wirst gehen müssen. Ich kann nicht! Aber Du, Du kannst! Also geh! Für mich …ist diese Reise …hier zu Ende. Geh also!“ Ihre Stimme wurde weicher. „Meine Liebe, meine Süße, Kind. Du weißt doch …alles wird irgendwann sterben, und ich …ich werde immer da sein, wenn Du nicht weiter weißt. Ich …ich verspreche es Dir. Aber nun …nun geh.“

    Erschöpft schloss die Alte die Augen.

    Immer noch weinend löste sich die Junge von ihr. Blickte tränenverschleiert auf das geliebte Gesicht herunter. Grau und eingefallen waren ihre Wangen, die Hände, nunmehr fast Klauen, über den Fellen in einander verschränkt. Ruckartig hob und senkte sich die Brust, Attra konnte sehen, wie viel Anstrengung ihr das bereitete.
    Von hinten tapste der Wolf heran und rieb seine Schnauze an Attras Bein. Wir müssen gehen. Leise aufschluchzend versuchte Attra das Tier weg zu schieben.

    „Ich werde Dich hier nicht allein lassen …Ich …“

    Die Alte schlug die Augen auf und blickte sie streng an. Herrisch wies sie nach draußen. Schluchzend wand sich die Junge ab und schlug die Hände vor die Augen. Mutter! Unsicheren Schrittes ging sie zum Höhleneingang, schob den Fellteppich beiseite und blickte zornig nach draußen. Ihre Mutter starb und es gab nichts, was sie dagegen tun konnte. Entschlossen trat sie vor die Höhle, die Fäuste geballt. Nie wieder wird einer sterben müssen, den ich liebe! Nie wieder! Der Wolf folgte ihr auf dem Fuß, drückte sich an ihre Beine und leckte ihr über die Hand. Geistesabwesend vergrub sie ihre Finger in seiner Mähne.

    „Nie wieder, hörst Du, Lo’? Nie wieder.“
    Zuletzt geändert von Attra am 08.12.2015, 15:24, insgesamt 1-mal geändert.
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    von Attra » 24.11.2009, 13:29

    Die junge Frau stand auf einer Klippe. Der Sturmwind peitschte Regen vom Meer in ihr Gesicht. Die Tropfen, die ihr über die Wangen liefen, schmeckten salzig. Gischt, Regen und Tränen hatten sich vermischt. Der Sturm ließ das Meer unter ihr brodeln und zischen. Immer wieder brachen sich große Wellen an der Klippe. Fauchend und donnernd fielen die Wasserberge in sich zusammen, um dann mit neuer Kraft wieder gegen die Klippe zu branden.

    Sie hatte die Fäuste zornig geballt und schrie dem Sturm ihre Wut und ihren Zorn entgegen. Nur das leise Winseln ihres Wolfes, der sich unter einem Strauch verkrochen hatte, um den Wassermassen zu entgehen, erinnerte sie ab und an daran, dass sie nicht allein war.

    Irgendwann, es mochten Stunden vergangen sein, verstummte die junge Frau heiser.

    Den Kopf gesenkt stand sie, keuchend und nach Luft schnappend, auf der Klippe. Der Sturm tobte mit unverminderter Heftigkeit. Der dünne Kittel klebte durchweicht an ihrem Körper. Langsam, fast mechanisch schob sie sich eine Strähne ihres schwarzen Haares aus dem Gesicht.

    Sie sank auf die Knie, die geballten Fäuste vor den Augen. Ein leises Wimmern löste sich aus ihrer Kehle. Sie wollte nicht mehr, was hatte es schon alles für einen Sinn? Für wen sollte sie weiter machen? Ruckartig löste sie die Hände von den Augen, vergrub die Finger im Schlamm, auf dem sie kniete, und starrte dumpf über den Klippenrand, über das Meer, hin zum stahlgrauen Himmel.

    Wo ist mein Lachen hin verschwunden?

    Schicksalsergeben schloss sie wieder die Augen, sackte erschöpft in sich zusammen. Ein durchnässtes Lumpenbündel.

    Leise keuchend ging ihr Atem, verlangsamte sich mit der Zeit, bis sich ihre Brust irgendwann ruhig hob und senkte. Sie war eingeschlafen.

    Der Regen prasselte monoton auf sie hinab.
    Zuletzt geändert von Attra am 08.12.2015, 15:26, insgesamt 2-mal geändert.
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    von Attra » 24.11.2009, 13:54

    Langsam schlug sie die Augen auf, die Welt war in hellblauen Nebel getaucht. In dichten Schwaden hatten sie die Landschaft eingehüllt. Deckten alle Landmarken zu, das Rauschen des Meeres war zu einem leisen Plätschern im Hintergrund verkommen. Fast blind tastete sie umher, ihre Finger berührten den felsigen Boden auf dem sie eingeschlafen war. Aber der Stein fühle sich irgendwie falsch an. Hart und weich zur gleichen Zeit.

    Mit zusammen gekniffenen Augen versuchte sie die Sträucher zu erspähen, unter denen sie ihren Wolf vermutete. Aber …nichts. Es wär als wäre sie blind geworden.

    Vorsichtig tastete sie sich voran. Einen Schritt von ihr entfernt löste sich ein Stein und sie hörte ihn davon rollen und über den Klippenrand fallen. Erschrocken hielt sie in der Bewegung inne und versuchte sich zu orientieren. Wenn sie nicht auf die Büsche zu gekrochen war sondern auf die Klippen, dann musste sie einfach nur umdrehen um zu ihrem Wolf zu gelangen.

    Abrupt drehte sie sich um und tastete sich auf allen vieren vorwärts. Ihre Finger fuhren über den seltsamen Stein, über Kiesel und dünne Gräser und dann …nichts. Sie fuhr zusammen und hockte sich hin, die Arme um ihre Brust geschlungen.

    Wenn vor ihr und hinter ihr Klippen waren, wo war sie dann?

    Unsicher leckte sie sich über die Lippen und zuckte zusammen. Die Luft schmeckte nach alten Kupfermünzen, metallisch und leicht nach Blut.
    Verwirrt drehte sie den Kopf hin und her.

    Der hellblaue Nebel machte sie blind und taub, beraubte sie ihrer Sinne.

    Aber eins ist mir geblieben.

    Sie schloss die Augen und versuchte mit ihrem Geist zu sehen. Das zu sehen, was eigentlich war und nicht das, was ihre Sinne ihr erzählten.

    So kroch sie mit geschlossenen Augen voran. Es stimmt nicht, dass hier Klippe ist, ich weiß dass hier Felsen ist, ich kann nicht fallen. Und tief Luft holend griff sie mit der ersten Hand ins Leere, folgte mit der Zweiten und begab sich dann über den Abgrund, den sie noch eben mit den Fingern gefühlt hatte. Aber mein Geist spürt den Felsen. Wo ist er hin? Zitternd schob sie sich weiter, setzte eine Hand vor die andere. Wann ist das hier vorbei? Die Augen immer noch geschlossen, wusste sie wo Felsen war. Erspürte ihr Geist den Stein, wo ihre Sinne aufschrien, sie würde sich von der Klippe stürzen.

    Und dann war da eine Hand.

    Sie packte ihren Arm und zog sie hoch, zog sie auf den Stein.

    Vor Angst schlotternd und die Augen immer noch fest zusammengekniffen, stand sie nun vor …jemandem. Sie konnte seine Berührung fühlen, sanfte Finger die ihr über die Wangen strichen, die Stirn, die Augenlieder.

    Sie holte tief Luft, und neben dem falschen Geruch des Nebels nach Blut und Kupfer erhaschte sie einen Hauch von Kräutern. Sie hatte das Gefühl, ihr Herz würde aufhören zu schlagen und dann mit vermehrter Geschwindigkeit weiter arbeiten. Das Blut rauschte ihr durch die Ohren, sie kannte diesen Geruch.

    Meine Süße, meine Kleine, meine Tochter.

    Mutter!

    Sie wollte sich in den Arm der Gestallt werfen, wollte für immer bei ihr bleiben. Die Ewigkeit schien nur einen Wimpernschlag entfernt. Da lösten sich die Hände von ihr, entschwanden im Nebel. Aufschluchzend versuchte sie nach der Gestallt zu greifen, aber sie erhaschte nur die weichen Nebelschwaden.

    Kind, Tochter, Liebes, weine nicht.

    Was ihr blieb, war die Stimme der Alten, die hinter ihren Augen durch ihren Kopf wisperte.

    Wenn Du mich brauchst, ich werde für Dich da sein. Ich habe es Dir versprochen, weißt Du nicht?

    Leise Koseworte murmelte die Stimme hinter ihren Augen. Die Arme um sich schlingend sank sie zu Boden, senkte den Kopf und lauschte.

    Ich helfe Dir, mein Kind, ich helfe wenn Du Hilfe brauchst. Du wirst mich in Deinen Träumen treffen. Kind, Kind …höre. Geh, geh der Sonne entgegen. Geh bis Du zum Meer kommst. Und geh weiter, geh bis Du nicht mehr kannst. Bleib nicht allein, meine Kleine.

    Bleib nicht allein.
    Zuletzt geändert von Attra am 08.12.2015, 15:29, insgesamt 1-mal geändert.
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    von Attra » 24.11.2009, 14:12

    Sie war Woche um Woche gewandert, war der Sonne entgegen gezogen, war durch tropisch feuchte Wälder gekommen und durch vertrocknete Steppen. War über das Meer gefahren und hatte das erste Mal in ihrem Leben diese dunkelgrünen, spitzohrigen Gnubbelwesen getroffen, die sich selber Goblins nannten. Ihre harte Sprache, wie wenn Stein auf Eisen schlägt, klang immer noch in ihren Ohren nach. Aber jetzt, jetzt war sie am Ziel.

    Ihre Füße waren über die rotgebrannte Erde von Durotar gewandert. Sie hatte andere gesehen, die wie sie waren. Andere Orcs. Häufig dachte sie an die Nacht vor so vielen Sommern. Ob ich einen der Befreier von damals treffen werde?

    Ihr Wolf trottete neben ihr her, leise hechelnd in der Hitze. Auch ihr brannte die Sonne in den Augen. Blinzelnd blickte sie zum Himmel hoch, der wie eine umgestülpte Messingschale die Strahlen der Sonne noch zu verstärken schien.

    Dann machte der Weg durch die Hügel, dem sie folgte, einen abrupten Knick und durch den allgegenwärtigen Staub konnte sie vor sich die Stadt sehen.

    Ehrfürchtig blieb sie stehen und blickte zu den mächtigen Wällen hin, die der Stadt Schutz gewährten. Aufgeregt beschleunigte sie ihre Schritte bis sie fast lief. Lief auf die Stadt zu.

    Hat Mutter nicht gesagt, ich solle hier hin? Wo kann ich mehr Gesellschaft finden als hier?!

    Fast ehrfürchtig huschte sie an den beiden Wachen vorbei, die am Tor standen und die ein- und ausströmende Menge beobachtete.

    Und dann war sie in der Stadt und blieb nur mit offenem Mund stehen und gaffte.

    Alles war so …groß.

    In Begleitung ihres Wolfes schlenderte sie durch die vielen Gassen und Straßen. Irgendwann hatte sie heillos die Orientierung verloren, was ihr aber im Moment nicht das Geringste ausmachte. Ihr Wolf war ihr Gesellschaft genug, aufgeregt zeigte sie ihm auf dieses oder jenes. Drehte erstaunt den Kopf nach rechts und links und schien alles auf einmal in sich aufnehmen wollen.

    Dann ertönte ein bewundernder Pfiff von hinten, woraufhin sie sich langsam umdrehte und direkt in das Gesicht eines recht muskulösen Orcs blickte.

    „Na, waz macht äne zo hüpschä Maka wie Dere hia zo allein?“
    Zuletzt geändert von Attra am 08.12.2015, 15:31, insgesamt 1-mal geändert.
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    von Attra » 25.11.2009, 13:11

    Sie hatte nicht lange geschlafen nach der Jagd. Sie hatte sich unruhig auf ihr Lager begeben und war im Morgengrauen mit der selben Unruhe im Bauch erwacht. Die Nacht hatte sie - zusammengerollt und in ihre Satteldecke gewickelt - unter einem Baum im Brachland verbracht.
    Das gelbe Gras raschelte leise unter ihren Füßen, während sie ihre Decke zusammenrollte, über die Reste des kleinen Feuers, welches ihr in der Nacht Licht gespendet hatte, Sand häufte und sich umsah, ob sie nicht etwas vergessen hatte.

    Dann streckte sie ihr Gesicht der Sonne entgegen, streckte beide Arme aus und schloss die Augen.

    Lo? Wo bist Du?

    Wie als Antwort auf ihre gedachte Frage hörte sie in der Nähe ein leises Heulen. Lächelnd legte sie die Hände trichterförmig um den Mund und beantwortete es ebenso leise. Kurz darauf raschelte es zwischen den kniehohen, struppigen Gebüschen, die ihrem Nachlager etwas Abgeschiedenheit geschenkt hatten, und zwei leuchtende Augen starrten ihr entgegen.

    „Lo …Komm heraus.“

    Ihre Stimme lachte. Das Gebüsch raschelte abermals und vor ihr stand ein - zugegeben etwas zerzauster - rot-brauner Wolf. Mit tapsenden Schritten kam er näher, blickte sie aus großen, fast blauen Augen an und heulte erneut leise. Dann ließ er sich auf die Hinterpfoten nieder und sah sie fragend an.

    „Ich weiß, gestern war ein ereignisreicher Tag. Aber wir wollen weiter.“

    Sie drehte sich um und packte mit geschickten Handgriffen ihre Habe zusammen. Fast träge erhob sich der Wolf wieder, und schüttelte sich leicht, während sie die Satteldecke auf ihm festschnallte und dahinter den kleinen Lederranzen, der ihr in der Nacht als Kissen gedient hatte, befestigte.

    Der Wolf streckte sich, schüttelte seine Mähne und drehte den Kopf leicht zu ihr nach hinten. Sie zog ihren Kilt bis zu den Knien hoch und schwang sich auf den Wolf, dann zupfte sie den Stoff über ihren nackten Beinen zurecht und fuhr dem Wolf durch die Mähne.

    „Los, Lo! Lass uns mit dem Wind reiten …!“

    Der Wolf streckte seine Schnauze in den Wind, heulte durchdringend, spannte seine Muskeln an und begann vom Baum weg, über die weite Graßebene zu traben.

    Die Orcin auf seinem Rücken krallte sich in seiner Mähne fest und brüllte dem Wind entgegen:

    „Kagh! Kagh, Lo’Gosh!“

    Es klang fast wie ein wilder Jubelschrei.
    Zuletzt geändert von Attra am 08.12.2015, 15:33, insgesamt 1-mal geändert.
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    von Attra » 26.11.2009, 12:33

    Blitze zuckten über den stahlgrauen Himmel, die Sonne war hinter Wolken verschwunden, brannte aber trotzdem erbarmungslos auf die Erde hinab. An diesem Ort sollte es kein Leben geben. Dieser Fleck der Erde war nie von den Schöpfern dazu erdacht worden, dass sich etwas ansiedelt.

    Das Einzige, was hier lebt sind Dämonen …und die Oger.

    Sie stand vor einem Tor in der Landschaft, einem Portal in eine andere Welt. Den Kopf in den Nacken gelegt versuchte sie seine vollständigen Ausmaße in sich aufzunehmen. Ihr Blick schweifte über die Totenschädel und Fratzen die zur Verzierung an dem riesigen Bauwerk angebracht waren und wirkten wie die lebendig gewordene Phantasie eines kranken Geistes.

    Neben ihr machte sich Dar’toon durch ein leises Räuspern bemerkbar. Sie nickte ihm zu. Immerhin – er war Kriegsherr und Thrall hatte sie zu ihm zur Hilfe geschickt. Ihr Blick wanderte dann kühl zu dem hellblauen Tentakelwesen neben ihm, sie nickte einmal knapp dann wand sie sich wieder dem Tor zu.

    Dar’toon räusperte sich wieder und begann dann mit rauer Stimme zu reden:

    „Viele Jahre stand das Dunkle Portal still... vergessen. Aber nun ist es nicht mehr still.

    Nachdem der Angriff der Dämonen aufgehalten wurde, haben unsere Truppen das Portal durchschritten und sich den Dämonen auf ihrem eigenen Gebiet gestellt!

    Nun sind wir ein einem wilden Krieg gefangen, und einige sind der Meinung, dass wir ihn nicht gewinnen können. Es ist also unsere Pflicht und unser grausames Vergnügen, unsere Feinde in der Scherbenwelt zu bekämpfen und unseren Sieg zu sichern, Attra.

    Wenn Ihr uns helfen wollt, meldet Euch unverzüglich bei Generalleutnant Orion. Er erwartet Euch in der Scherbenwelt...“


    Abermals nickt sie. Schwer drückte ihr Hammer gegen ihre Hüfte. Sacht lag ihre Hand auf ihm, er hatte sie durch viele Schlachten geführt. Eigentlich hatte sie gehofft, nachdem der Schwarzfels gesäubert wurde, hätte sie eine Zeit der Ruhe, des Friedens. Eine Zeit, in der sie sich um ihren Clan kümmern könnte.

    Ob ich jemals Welpen haben werde? Die ich aufziehen kann? Denen ich die Werte eines jeden aufrechten Orcs beibringen kann? Kraft, Mut, Ehre!
    Unwirsch packte sie ihr Schild, das neben ihr auf dem Boden lag, spürte – vielleicht das letzte Mal für lange Zeit – den harten, staubigen Boden ihrer Heimatwelt unter den Füßen, dann drehte sie sich zu Dar’toon um.

    „Swobu. Ich werde helfen. Dieses Dämonenpack wird den Tag verfluchen, an dem es uns unterjochen wollte.“

    Sie riss ihren Kriegshammer in die Luft und brüllte den Schlachtruf aller Orcs.

    „Lok’Tar ogar!“

    Sieg oder Tod! – Tod all den Feinden der Horde.

    Sie schulterte ihr Schild, und ging mit den schweren, sicheren Schritten einer Kriegerin auf das Portal zu.

    Und hindurch.
    Zuletzt geändert von Attra am 08.12.2015, 15:36, insgesamt 2-mal geändert.
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    von Attra » 26.11.2009, 12:35

    Es wird Abend. Die Sonne über dem Eschental versinkt langsam hinter den Bäumen. Leise hört man noch das Zirpen einiger Insekten, das aus den Wäldern außerhalb der Feste in den Hof weht.

    Attra steht im Eingang des kleinen Besucherhäuschens im Festungshof. Ihr Blick schweift über die Palisaden, über die Baumwipfel hinauf zum Himmel.

    Sie steht dort, die Arme locker vor der Brust verschränkt, an ihrer Seite, an der Stelle, wo vor einigen Monden noch immer ihr Kriegshammer in seiner Schlaufe gehangen hatte, baumeln nun einige Beutel hinab von ihrem Gürtel hinab.

    Sie steht dort, den Kopf an die Türöffnung gelehnt, den Blick über den rasch dunkler werdenden Himmel gerichtet. Dann wendet sie den Kopf, lässt den Blick über den Festungshof wandern.

    Ein leichter Wind weht, sie kann am anderen Ende des Hofes Feuer brennen sehen, an denen die Nordorcs sitzen, lachen und reden. Der flackernde Feuerschein tanzt über ihre Gesichter und zeichnet noch die härtesten Orcs weich nach.

    Über Attras Lippen fliegt ein Lächeln.

    Heimat. Angekommen.

    Die Hand, die eben noch locker verschränkt über ihrem Herzen lag, ballt sie kurz zusammen.

    Mein Blut für diese Orc'n.

    Sie hört ihr Lachen, das laute Grölen der Männer und das leisere Kichern der Frauen. Eine Windbö lässt das Feuer aufflackern und ihren abgewetzten Lederkilt hin und herschwingen.

    Dann macht sie - mit einem Lächeln auf den Lippen - einen Schritt aus den Schatten und gesellt sich zu den schwatzenden Gestallten am Feuer.


    Still vor sich hin lächelnd denkt Attra an all die Dinge, die ihr in den letzten Jahren wiederfahren sind. Eine leichter Anflug von Wehmut überkommt sie, als sie an ihre Ziemutter denken muss. Manchmal gibt es Momente, wo einfache Dinge sie noch zu Tränen rührten, da sie bei ihnen an Tarika denken muss. Meist aber kann sie ohne Kummer ihre Gedanken zu der Frau, die ihr eine Mutter gewesen war, schweifen lassen.

    Aber es ist notwendig gewesen, an all diese Dinge zu denken.

    Tarika wird auch weiterhin für sie da sein, wenn sie denn gebraucht würde. Und oft braucht Attra sie nicht mehr. Die einsamen Nächte, nur zusammen mit Lo an einem Feuer im Nirgendwo gehörten der Vergangenheit an.

    Außer sie wünscht sie.

    Mit einem letzten Blick durch das Zimmer steht Attra auf und öffnet den Vorhang, der vor den Durchgang zu ihrer kleinen Kammer gespannt war und blickt lächelnd hinaus.

    Die Welpen spielen in einer Ecke mit einer alten Wölfin, purzeln jauchzend über einander. Immer im Blick gehalten von den Frauen, die schnatternd um eines der Kochfeuer sitzen.

    Ihr Blick fällt auf einen Orc, der leise vor sich hin fluchend auf sie zu kommt. Einen blutenden Finger weit von sich getreckt murmelt er unablässig Verwünschungen, die den Schmied und ein lockeren Axtkopf zum Thema haben.

    Schmunzelnd winkt sie ihn zu sich.

    Das hier ist ihre Familie.

    Hier wird sie gebraucht.
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    von Attra » 22.11.2011, 11:57

    Sie war wieder im Eschental. Der alten Heimat. Dort, wo sie sich mit jedem Baum und jedem Wolf tief verbunden fühlte. Dort wo sie manchmal ihren Namen durch die Wipfel der Bäume flüstern hörte. Dort, wo jeder Stein "Heimat" schrie. Wo ihr jeder Grashalm und jeder Wildwechsel bekannt war. Die Sonne drang kaum durch das dunkle Laub der Bäume, die sich teils so nahe standen, dass sich ihre Äste zu einem dichten Blätterdach verwoben hatten. Das Licht schimmerte durch die blau-grünen Blätter in einem matten Violett und malte verschlungene Muster auf den moosigen Boden. Hoch über ihr konnte sie die Vögel kreischen hören, die im Winter nicht in den Süden zogen. Ab und an raschelte das Gebüsch um sie herum durch die Bewegungen der Kleintiere, die sich im Unterholz verborgen hatten.

    Hinter ihr lag die lange Zeppelinreise nach Orgrimmar und der fast ebenso lange Ritt durch die Steppen des Brachlands, bis hin zum Schutzwall von Mor’shan. Und weiter in den Wald des Eschentals. Lange Stunden unter der drückenden Sonne, die die Weiten des Landes verbrannte, Stunden in denen sie über ihre schwache Hoffnung nachgrübelte, am Ende ihrer Reise wirklich ihn zu finden. In einer Ecke ihres Herzens hatte sich schwacher Zweifel gegraben. Sie hatte schon so viele Reisen unternommen, so viele Leute befragt. Händler, Diebe, Elfen, sogar den Abschaum der Madengesichter hatte sie um Rat und Hilfe gebeten. Niemand wusste auch nur das Geringste über sein Verschwinden, seinen Verbleib. Es schien, als hätte er sich damals im Sholazarbecken einfach in Luft aufgelöst. Als wäre er eins mit dem Dschungel geworden. Aber diese Vorstellung war lächerlich. Sie wüsste es, wäre dem so gewesen. Ihre Mak’hai hatte ihr nicht alle Geheimnisse anvertrauen können, bevor sie starb, aber sie erschien ihr noch oft genug im Traum. Träume in denen sie lange Zwiesprache hielt. In denen sie wieder Kind war, in denen sie wieder lernte, angeleitet von den weichen Händen der älteren Frau. Und aus genau demselben Grund wusste sie, dass er nicht tot war. Er wäre in ihren Träumen erschienen und dort so allgegenwärtig wie ihre Mak’hai. Natürlich träumte sie auch von ihm, nur waren das verzweifelte Bilder, nach denen sie voll Trauer und Angst um ihn aufwachte. Sie wusste einfach, er lebte noch. Und sie würde ihn finden.

    Nachdenklich richtete sie sich im Sattel ihres Wolfes auf und blickte den Trampelpfad entlang, der sich durch den Wald schlängelte. Sie ritt schon seit einigen Tagen durch das Eschental. Und bald, bald würde sie aus den vertrauten Bäumen hinaustreten müssen und ihren Wolf und sich durch die verdorbenen Weiten des Teufelswalds führen. Auch wenn es noch nicht so weit war, der Gedanke daran ließ sie jetzt schon schaudern. Der Teufelswald war genauso verdorben, wie sein Name vermuten ließ. Die Druiden des Cenarius versuchten seit Jahren ihn zu heilen, aber die Verderbnis war tief in die Erde gesickert, wurde von den Pflanzen aufgesogen und war so in den Kreislauf der Natur gelangt. Selbst die Luft dort hatte den leichten Beigeschmack nach Schwefel und Eiter. Mit einem ungeduldigen Ruck ihres Kinns konzentriert sie sich wieder auf den Weg, der vor ihr lang. Er lebte noch, dessen war sie sich sicher. Und das war alles, was zählte.

    Vielleicht zwei, drei Wochen war es her. Da hatte sie endlich - nach all der langen Zeit der Suche - etwas gefunden, dass ihr vielleicht weiterhelfen könnte. Ein knotiges Stück Wurzel des purpurroten Lotus. Sie hatte befürchtet, diese Pflanze wäre vollkommen ausgerottet, nachdem die Verlassenen das Hügelland eingenommen hatten und mit ihnen die Seuche dorthin kam. Aber sie hatte Glück. Ein verschrobener Goblinhändler, der quasi mit allem handelte, mit dem man handeln konnte, hatte ihr ein Stück der Wurzel besorgt. Ein Stück in dem der Lebensfunke noch nicht durch die Madengesichter ausgemerzt war. Sie hatte fühlen können, wie er in einem sanften Orangerot unterhalb der dreckigen Schale glühte. Einen ganzen Beutel Goldstücke hatte der Goblin ihr abgeknöpft. Aber das war es ihr wert gewesen. Sie hätte noch viel mehr gezahlt für das letzte Reagenz, das ihr noch für den Trank fehlte, der ihr vielleicht für einen Traum die Weitsichtigkeit verleihen würde, mit der sie ihn finden würde. Oder aus dessen Traum sie nie wieder aufwachen würde.

    Sie war also mit ihrem kostbaren Schatz in die Donnerfeste zurückgekehrt. Hatte sich dort in ihrer Kräuterkammer eingeschlossen und mit den Vorbereitungen begonnen. Als erstes hatte sie ein kleines Stück Erdwurzel sowie eine Handvoll der Blüten des Maguskönigskrauts in ihren Mörser gegeben und beides zu einem dicken Brei zerstoßen. Nachdenklich blickte sie über ihre Fläschchen und Tiegel, die fein säuberlich geordnet in den Regalen an den Wänden standen. Mit einem entschlossenen Ruck hatte sie sich umgedreht und in dem Kessel, der immer über der Feuerstelle in der einen Ecke des Raums hing, vielleicht eine halbe Flasche voll geläutertem und destillierten Wasser mit den Blütenblättern von einer Dolde des Traumblatts erhitzt und dort den Brei hinein gerührt, bis sie nach einiger Zeit etwas hatte, das aussah wie braun-blau schillerndes Schmieröl. Kurz schloss sie die Augen, holte tief Luft, und zog die Lotuswurzel aus ihrem Beutel. Sanft strich sie über die raue, erdige Schale, legte die Knolle dann entschlossen auf ihren Arbeitstisch und raspelte auf einer kleinen Metallreibe etwas davon ab. Mit dem Häufchen geriebener Lotuswurzel in der Hand trat sie vor ihren Kessel, blieb einen Moment davor stehen und öffnete dann ganz sacht ihre Hand. Die Raspel rieseln ihr über die Finger, hinein in den Kessel. Vorsichtig rührt sie um und langsam nahm der Inhalt des Kessels die Farbe von geronnenem Blut an.

    Sie stand lange am Kessel und starrte auf die langsam abkühlende Flüssigkeit im Inneren. Irgendwann langte sie mit traumwandlerischen Bewegungen nach ihrer Schöpfkelle und füllte den Inhalt des Kessels vorsichtig in eine irdene Schüssel. Nachdenklich schnupperte sie kurz daran, dann setzt sie die Schüssel an die Lippen und trank.

    Einen Wimpernschlag später fiel ihr scheppernd die Schüssel aus der Hand, sie taumelte und fiel zu Boden. Das Letzte, an das sie sich erinnerte bevor sie einschlief, war der harte Stein unter ihrer Wange. Dann fiel sie in einen tiefen Traum.

    Sie träumte, sie flog, flog über das Meer, über die Berge von Kalimdor, kreiste wie ein Adler, immer höher und höher über das Land, bis sie - als hätte sie ihre Beute entdeckt - hinabstieß, durch die stacheligen Äste der Bäume eines verdorbenen Waldes. Hinunter und weiter hinunter. Bis sie irgendwann, gestoppt von einer unsichtbaren Wand, über einem Höhleneingang schwebte. Und sie wusste, als hätte sie ihn gesehen, dort würde sie ihn finden. Dann schraubte sie sich wieder hinauf in den schmutzig gelben Himmel und dort, weit oben, zerfaserte ihr Traum in dunkle Gewitterwolken.

    Zitternd wachte sie einige Stunden später in einer Pfütze ihres eigenen Erbrochenen auf. Schwach, wie ein neugeborener Welpe lag sie wimmernd auf dem Boden ihrer Kräuterkammer und würgte Galle und Blut. Aber nun wusste sie, wo sie ihn finden würde, finden könnte, wenn sie die Kraft dazu hatte.

    Und so war sie aufgebrochen.
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    von Attra » 08.12.2015, 14:33

    Sie träumte. Sie wusste es vom ersten Augenblick an, von dem Moment in welchem sie die Clanfeuer auf ihrem Gesicht spürte. Sie stand am Eingang einer Halle. Der früheren Halle des Donners. In einem anderen Land. Auf einem anderen Kontinent. In einem anderen Leben. Der Schein der Feuer fiel warm auf ihr Gesicht, hieß sie willkommen. Schien sie in die Mitte des Raumes zu locken. Sie hörte das Gelächter der Orcs, die zusammen saßen und über vergangene und zukünftige Schlachten Witze rissen. Die mit ihrer Stärke und ihrem Geschick prahlten. Sie konnte sie essen und trinken und lachen sehen. Die Luft war geschwängert von den Gerüchen nach Alkohol, bratendem Fleisch und ungewaschenen Orcs. Sie würde nur rufen müssen und ihr Clan würde sich zu ihr umdrehen, würde sie lachend und scherzend in ihrer Mitte willkommen heißen. Würde sie vielleicht fragen, wo sie gewesen war. All die vergangenen Jahre. Sie würde nur einen Schritt in den Raum hinein machen müssen und der Blick des Durubs würde auf sie fallen. Nur ein Schritt und sie wäre wieder daheim.

    Daheim. Was für ein schönes Wort. Die Halle atmete die Zusammengehörigkeit des Clans. Ihres Clans. Eines Clans in dem jeder Orc seinen Platz kennt. In dem auch sie vor langer Zeit ihren Platz gekannt hatte. Von dem sie auch immer noch ein Teil wäre, wenn sie nicht vor Jahren hätte gehen müssen.

    Noch hatte sie keiner gesehen, keiner bemerkt. Ihr Blick glitt suchend über die anwesenden Orcs. Blieb an dem einen oder anderen bekannten Gesicht hängen. Es saßen viele neue Orcs an den Feuern. Viele Gesichter die sie nicht kannte und die im Gegenzug auch sie nicht kannten. Orcs die nicht zögern würden, sie zur Rede zu stellen, wer sie war. Was sie hier wollte. Und wie zum Orgus sie hier herein gekommen war, ohne die Wachen zu alarmieren. Sie wusste selber nicht, warum sie hier war. Aber jetzt - in diesem Augenblick ihres Traumes - wollte sie nichts weiter als wieder in dieser Halle zu sein. Zu Hause zu sein. Bei ihrem Clan.

    Zögernd machte sie einen Schritt von dem mächtigen Eichentor, welches die Halle zum Festungshof verschloss, in den Raum hinein. Ging auf die Feuer zu, nährte sich den flackernden Feuern. Fast schon hypnotisch fühlte sie sich angezogen von dem Lachen der Orcs. Wollte ein Teil davon sein. Sie hatte die letzten Jahre so oft davon geträumt. Sie machte einen weiteren Schritt in die Halle und noch einen. Stand dann in der Mitte des Raumes. Inmitten all der Orcs. Inmitten ihres Clans. Sie sah in die lachenden, essenden Gesichter, aber niemand nahm Kenntnis von ihr. Es war, als wäre sie zu den Geistern gegangen, als würde nur noch ihre Seele hier stehen. Sie beugte sich zu einem Orc herunter, der vor einer Ewigkeit am Festungstor Wache gestanden hatte, als sie das erste Mal die Donnerfestung betreten hatte. Sie legte ihm zögernd die Hand auf die mächtige Schulter, aber er schien sie nicht zu bemerken. Langsam zog sie ihre Hand wieder zurück, drehte sich einmal im Kreis und schluckte leise. Keiner der Clanorcs hatte sie bemerkt.

    Stockend ging sie rückwärts, bis sie mit dem Rücken an die Wand stieß. Schlang ihre Arme trotz der Hitze, die von den Feuern ausging, fröstelnd um ihre Brust. Dann sah sie ihn und sie wusste wider, das hier war nicht die Donnerfeste. Das war nur ein Traum. Eine Erinnerung. Hart aufschluchzend rutschte sie langsam an der Wand zu Boden. Ihr Blick wanderte über seine Gestalt, seine Schultern, sein Gesicht, wie er lachend den Kopf in den Nacken legte. All die kleinen Gesten, die sie damals in sich aufgesogen hatte. Die sie nie würde vergessen können. Nie würde vergessen wollen.

    Sie dachte an die Nacht, in der er ihr das hellrote, narbige Drachenei gegeben hatte. In der er ihr versprochen hatte, sie nie zu verlassen, im Kampf immer an ihrer Seite zu sein. Für sie zu sterben. Für sie und für die Welpen, die sie irgendwann haben würden. Und jetzt war er fort und nichts mehr als eine Erinnerung in ihren Träumen. Sie schluckte noch einmal, versuchte den Klumpen in ihrem Hals herunterzuschlucken, versuchte trotz dessen wieder zu atmen. Dann bekam sie wieder Luft, lehnte den Kopf sacht gegen die Wand und obwohl sie wusste, sie würde ihn nie wieder sehen. Nie wieder seine Arme um sich spüren. Nie wieder mit ihm reden. Nie seine Welpen in ihrem Bauch wachsen spüren. Trotz all dessen lächelte sie unwillkürlich, als sie ihn dort sitzen sah, ohne dass er Notiz von ihr nahm. Irgendwann würde es so weit sein, dann würde er aufsehen und sie zu sich winken. Dann würde sie wissen, dass ihre Zeit gekommen war und sie zu den Ahnen gegangen war. Bis es so weit sein würde, würde sie in ihren Träumen hier sitzen und ihm zusehen. Wie er lachte, wie er aß, wie er trank, wie er lebte. In ihrer Erinnerung.


    Am nächsten Tag erwachte sie mit einem ausgetrockneten Mund und schmerzenden Knochen. Unter dem zotteligen Fell, das ihr als Decke gedient hatte, drehte sie sich auf den Rücken und starrte in den Himmel. Im Osten verfärbte sich der Horizont langsam grau. Leicht wendete sie den Kopf, sah ihren Wolf Lo neben sich liegen und sie aus seinen gelben Augen anstarren. Sacht zog sie eine Hand unter der Felldecke hervor und legte sie ihm auf den Kopf, dann schloss sie ihre Augen wieder.

    Lange dachte sie über ihren Traum nach. Darüber, was er bedeuten könnte. Vielleicht war es an der Zeit, zum Clan zurückzukehren. Jemandem ihr Wissen weiterzugeben. Sie war kein Welpe mehr. Sie war Maka. Frau. Es war relativ unwahrscheinlich, dass sie je eine Tochter haben würde, der sie die alten Wege lehren konnte. Und doch war es wichtig, dass das, was sie wusste, nicht nach ihrem Tod mit ihr verschwinden würde. Sie fasste in den Ausschnitt ihres abgewetzten Hemdes und griff nach der Spitze des Drachenzahns, den sie an einem Lederband um den Hals trug. Stumm betrachtete sie das Stück des Zahns, erinnerte sich an die Schlachten, für die er stand. An das Versprechen, welches sie geleistet hatte. Wie poliert schimmerte der Drachenzahn, wenn sie ihn zwischen den Fingern hin und her drehte. Sie war Sturmschwester, Sturmtochter. Vielleicht war es wirklich an der Zeit, aus der Einsamkeit zurückzukehren.

    Mit steifen Gliedern stand sie auf und rollte langsam ihre Felldecke zusammen. Es wäre gut, wieder ein Ziel zu haben. Nur zuerst würde sie herausfinden müssen, wie sie dorthin gelangen könnte. Ihr Reitwolf - Lo - rappelte sich auf, schüttelte sich einmal und ließ sich dann satteln. Vielleicht würden ihr die Ahnen helfen, wieder zurückzufinden. Vielleicht würden sie sie lenken. Sie blieb noch einen Augenblick neben Lo stehen, streckte sich und blickte nach Osten, wo sich langsam die ersten Strahlen der Sonne über den Horizont schoben. Vielleicht wäre sie bald wieder zu Hause. Vielleicht.
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    von Attra » 14.05.2016, 11:18

    Die Sturmschwester stand auf dem Hof der Donnerfeste und hielt das Gesicht in den nassen Wind. Es regnete in den Sümpfen. Schon wieder. Würde man Attra fragen, sie würde sagen, es regne in den Sümpfen ohne Unterlass. Aber man fragte sie nicht und sie sah keinen Sinn darin, jemandem mitzuteilen, wie sehr der ständige Regen an ihren Nerven zerrte.

    Leise klapperten die Knochenperlen, die auf ihrem Kilt verwirbelte Muster bildeten. Wie die Wellen des Meeres hatte Attra in stundenlanger Arbeit die Perlen und kleinen Muscheln auf das Leder genäht. Jetzt sorgten sie bei jeder Bewegung der Orcin für ein leises, melodisches Klirren.

    Aus der großen Halle drangen Stimmen und der Duft von gebratenem Wild nach draußen. Attra hatte das mächtige Tor einen Spalt offen gelassen, als sie dem Trubel für einige Minuten entflohen war. Jetzt drehte sie sich wieder um, blickte lächelnd zurück zur offenstehenden Tür und machte sich auf den Weg zurück ins Warme.


    [center]Bild[/center]

    Langsam, fast unmerklich waren die ersten Schneeflocken über dem Sumpf gefallen. Langsam, träge, fast schwerelos tanzten sie durch die Luft, blieben auf den Mauern, dem Festungshof und den Dächern der kleineren Hütten liegen, die sich geduckt an die mächtigen Steinmauern schmiegten. Die ersten Flocken schmolzen noch schnell, verwandelten die festgestampfte Erde des Festungshofes in ein Feld aus Schlamm und Matsch. Als der Schnee länger vom Himmel fiel, erstarrten die Fußabdrücke im schlammigen Boden langsam und wurden dann - Stück für Stück - von den Schneeflocken bedeckt. Nach einigen Stunden war der komplette Hof der Donneraxtfestung von einer weißen Decke überzogen.

    In Attras kleiner Kammer brannte kein Feuer. Weiß verfing sich ihr Atem vor ihrem Mund und schwebte in hellen Wölkchen zur Decke. Die Sturmschwester saß mit geschlossenen Augen und untergeschlagenen Beinen auf dem kleinen Podest, das ihr als Lager diente. Die Felldecken unter ihr verhinderten, dass die Kälte ihr vom Boden her in die Knochen drang.

    Irgendwann - vielleicht nach Minuten, vielleicht nach Stunden - schlug Attra ihre Augen wieder auf und lächelte. Kurz darauf konnten scharfe Ohren unten auf dem Festungshof die Stimme einer Orcin hören, die ein sehr altes Lied anstimmte.


    Im Nordn hoch, im Nordn kalt,
    leben Nordorkn, grohzz von Gestalt,
    Ihr altehz Banna auhz braunem Fell
    inmitten ein Wappen, prangt ganz Hell.

    ...


    [center]Bild[/center]

    Tief hingen die stahlgrauen Wolken über dem Sumpf. Die Luft roch bereits nach dem Regen, den sie versprechen. Der dumpfe Geruch nach verrottenden Pflanzen, der sich sonst zwischen den hohen Wurzeln der Bäume sammelte, würde in nicht allzu langer Zeit hinweggeweht von der klaren, frischen Luft, die der Regen mitbringen würde. Die Wedel aus Moos, die von den Ästen der Bäume hingen, bewegten sich sacht im aufkommenden Wind.

    Als die ersten Regentropfen fielen, stand nicht allzu weit von der Donneraxtfestung entfernt eine Orcin auf einem Hügel. Die Arme dem Himmel entgegengestreckt, die Augen geschlossen, floss ihr der Regen über das Gesicht und durchweichte ihre Haare, die als dicker Zopf über ihren Rücken hingen.

    Fast sah es aus, als würde die Orcin den Himmel umarmen wollen.


    [center]Bild[/center]

    Es war noch sehr früh am Morgen, die Sonne würde erst in ein paar Stunden aufgehen. Attra war noch vor der Dämmerung erwacht und hatte mit offenen Augen in die Dunkelheit gestarrt. Getrieben von einem unbestimmten Gefühl der Unruhe, war sie von ihrem Felllager aufgestanden und zum Fenster ihrer kleinen Kammer gegangen. Nachdenklich hatte sie hinausgeblickt, dem Mond beim Untergehen zugesehen. Dann wandte sie sich ab - noch immer von diesem drängenden Gefühl getrieben - und hatte ihre Kammer verlassen. Leise, um die in der großen Halle schlafenden Orc'n nicht zu wecken, war sie zum Tor geschlichen, das auf den Festungshof führte, hatte es einen Spalt breit geöffnet und war hinausgehuscht.

    Jetzt stand sie oben auf den Zinnen der Mauer und blickte grübelnd zum Horizont. Die Wachen kannten ihre Marotte schon, stundenlang in die Weite des Sumpfes zu starren, und hielten daher respektvollen Abstand.

    Langam kroch die Sonne über den Horizont und die Schwärze der Nacht wich langsam dem Zwielicht des frühen Morgens. Gegen die Kühle der Nacht hatte sich Attra ein grob gestricktes, mit Fuchspelz eingefasstes Schultertuch übergeworfen, deren Enden sie mit einer Hand zusammenhielt.

    Lange hatte sie so gestanden, ohne auf ihre Umgebung zu achten. Hatte der Sonne beim Aufgehen zugesehen, das immer heller werdende Zwielicht betrachtet und hörte dann - mit einem fast schon erleichterten Lächeln auf den Lippen - der Donneraxt Festung beim Erwachen zu.


    [center]Bild[/center]

    Nachdenklich blickte Attra aus dem schmalen, unverglasten Fenster in ihrer Kammer auf den Festungshof. Während der Wintermonate war die Fensteröffnung fast durchgehend mit Holzklappen und einem Fellvorhang geschlossen gewesen, um die eisige Zugluft abzuhalten. Nun war es endlich seit Tagen warm und durch das geöffnete Fenster malte die Sonne schräge Streifen auf den Steinboden der Kammer. Die wärmenden Felle waren zusammengerollt und verstaut worden. Sie würden wohl erst wieder im Herbst hervorgeholt werden. Jetzt freuten sich die Orc'n über die kurze Zeit, während der das Wetter im Sumpf zwar angenehm warm war, aber sich noch nicht wie im Hochsommer der erstickende Geruch des austrocknenden Sumpfes wie eine Glocke über die Donnerfestung gelegt hatte.

    Die Sturmschwester hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt und betrachtete mit einem kaum sichtbaren Lächeln das Treiben auf dem Festungshof. Hinter ihr auf einem groben Tisch lagen vergessen Kräuterbündel, Fläschchen und irdene Tiegel. Selbstvergessen lehnte sich Attra mit der Schulter gegen die Fensteröffnung und legte eine Hand auf den von der Sonne erhitzten Stein.

    Die Kräuter, die in kleineren und größeren Bündeln von der Decke hingen, erfüllten den Raum mit einem würzigen Geruch nach Leben. Attra würde bald wieder losziehen, weitere Heilkräuter sammeln. Viele ihrer Vorräte waren über den Winter zusammengeschrumpft und müssten aufgefüllt werden. Es herrschte immer Bedarf an jemandem, der wusste, wie die einzelnen Pflanzen anzuwenden und zu sammeln waren, um heilende Wirkung zu entfalten.

    Die Orcin drehte sich halb vom Fenster ab und runzelte leicht die Stirn. Vielleicht wird es Zeit, sich unter den jungen Makas im Clan umzusehen. Vielleicht würde eine von ihnen die selbe Begabung zeigen, sich in die Natur einzufühlen, wie Attra sie damals als kleines Mädchen gezeigt hatte. Mit leicht zusammengekniffenen Augen musterte sie ihre vergessene Arbeit auf dem Tisch. Noch hatte sie niemanden gefunden, der in Frage kam. Mit einem Seufzen wandte sich Attra vom Fenster und dem Treiben auf dem Festungshof ab und ging zurück zu der wartenden Arbeit. Salben, Pflaster und Elixiere mussten aufgefüllt werden.
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    von Attra » 16.05.2016, 08:52

    Sie waren grade aus den Sümpfen nach Hause gekehrt, die Rüstung voller Matsch und Blut. Die Nacht war schon vor Stunden über den Sümpfen hineingebrochen, die Luft war erfüllt von den Geräuschen der Nachttiere. Eine Eule, sirrende Insekten und der Schrei einer großen Raubkatze. Müde war Attra aus dem Sattel ihres Reitwolfes Lo‘ gerutscht, hatte ihren Kopf gegen seine Mähne fallen lassen und sich nichts mehr gewünscht, als sich zusammen zu rollen und hier auf dem Festungshof neben ihrem Wolf einzuschlafen. Sie zwang sich, die Augen zu öffnen und blickte glasig über die anwesenden Orc’n, die sich begeistert erzählten, welche Heldentaten sie heute Nacht alle vollbracht hatten. Und mit jedem Satz wurden die Geschichten glorreicher. Ein kurzes Lächeln huschte über das Gesicht der Sturmschwester. Ihre Orc’n. Und sie hatte dazu beigetragen, dass die Scharmützel am heutigen Abend so glimpflich abgelaufen waren.

    Attra schwankte erneut, krallte ihre Finger fester in die Mähne ihres Reitwolfes und schloss kurz die Augen, bis die Sterne, die in ihrem Blickfeld tanzten, wieder verschwunden waren. Tief sog sie die feuchte, dumpfe Nachtluft in die Lungen. Sie stieß sich von Lo‘ ab, sah sich nach einem der Peons um und drückte ihm die Zügel in die Hand. Sie wusste, er würde sich um den müden Wolf kümmern, ihn absatteln und abreiben, ihn füttern und tränken. Die Sturmschwester wusste auch, eigentlich sollte sie diese Aufgabe übernehmen, aber die Erschöpfung fraß sich bleiern durch ihre Glieder. Sie drehte den Kopf und ließ ihren Blick über die versammelten Clanorc’n wandern. Überzeugte sich, dass keiner ernsthafter verletzt war. Um Urog würde sich Sunekka kümmern, wenn er Hilfe benötigen würde. Und den Ahnen sei Dank, niemand sah so aus, als müsse sie die nächsten Stunden mit dem Tod um das Leben eines geliebten Orc’n ringen.

    Die Sturmschwester rieb sich energisch über die Augen und trat durch das offene Tor in die große Halle. Die Feuer brannten bereits, der Duft von frisch gebratenem Fleisch, von verkohltem Holz, verschwitzten Orc’n und nassen Rüstungen schlug ihr entgegen wie eine Mauer. Sie zwang sich, die Schritte in die Halle zu machen, mit jedem der Clanorc’n zu sprechen, ihnen zu sagen, wie gut sie sich geschlagen hatten in dieser Nacht. Und alles was sie wollte, war nur noch sich hinzulegen. Zu schlafen. Sie taumelte erneut vor Müdigkeit, hielt sich kurz an der Wand fest und ließ den Blick noch einmal über ihren Clan schweifen. Sie lächelte. Dann wandte sich Attra ab und verschwand hinter dem Ledervorhang, der ihre Kammer von der großen Halle abtrennte.

    Nach drei stolpernden Schritten war sie vor dem niedrigen, mit Fellen ausgepolsterten Podest, auf dem sie schlief. Ihre Beine knickten ein und sie fiel hart auf den Steinfußboden ihrer Kammer. Die Sturmschwester krallte sich rechts und links in die Felle, ließ ihren Kopf dazwischen sinken und schloss die Augen. Ja, sie hatte ihren Teil dazu beigetragen, die Zwerge zu finden.

    Attra erinnerte sich daran, wie sie auf dem Rücken von Lo‘ gesessen hatte, als der Befehl kam:
    „Sught nagh ehnen!“ Und Attra hatte sich hinaufgeschwungen, hatte ihren Geist hinauf in die Wolken geworfen. Hatte noch ein letztes Mal auf die zusammengesunkene Orcin auf dem Rücken des vertrauten Wolfes geblickt und war dann hinaufgewirbelt, verfolgt von den gelben Augen Lo’s. Sie hasste das Gefühl, an zwei Orten gleichzeitig zu sein, konnte fühlen wie sie gleichzeitig fest auf dem Rücken ihres Wolfes saß und mit der Geschwindigkeit eines Gedankens durch die Luft über den Wipfeln der Sumpfbäume raste. Wie sie seltsam verdreht und auseinandergerissen wurde. Und doch, sie musste immer weiter. Weiter. Weiter. Seltsam, dass es einmal nichts schöneres für sie gegeben hatte.

    Und dann war sie tiefer gesunken, durch die Baumwipfel hindurch, war langsamer geworden. Hatte sich an den Wind geschmiegt, gesucht, gespäht und dann ihre Beute gefunden.
    „Egh hab‘ seh." Es war nicht mehr als ein Flüstern aus ihrem Mund. Und sie spürte eine Hand auf ihrer Schulter, wurde schmerzhaft zurückgerissen. Wirbelte durch die schmutzig-grünen Blätter, sah wieder die Orcin auf dem Wolf, deren graues, eingesunkenes Gesicht ihr auf die Brust gesunken war. Und war dann wieder eins.

    Leise aufstöhnend hob Attra wieder den Kopf von ihren Schlaffellen und kroch über den Boden zu einem leeren Wassereimer in der Ecke. Die Übelkeit, die im Hintergrund gelauert hatte, brach jetzt über sie hinein. Sie hätte nicht daran denken sollen, wie sie auf dem Wind geritten war. Ihre Fingerknöchel traten weiß hervor, als sie den Eimer packte und sich ihr Magen unter Krämpfen entleerte. Als sie irgendwann nicht einmal mehr Galle würgte, ließ sie den Kopf zu Tode erschöpft auf den harten Rand des hölzernen Eimers sinken, holte probehalber flach Luft und als das nicht dazu führte, dass sie sich erneut übergeben musste, stellte sie den Eimer ab und kroch zurück zu ihrem Schlafpodest.

    Mit letzter Kraft zog sich die Sturmschwester auf ihre Schlaffelle, rollte sich auf der Seite zusammen und zog mit einem Rück eines der Felle bis zum Haaransatz über sich. Sie würde jetzt nur noch schlafen. Schlafen.

    Noch während sie sich in die Tiefen des Schlafs fallen ließ, konnte sie die Vorgen draußen in der Halle hören, die sich Geschichten von Mut und Tapferkeit erzählten.
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    von Attra » 17.09.2016, 02:36

    Langsam rollten die Wellen an den Strand, auf den Wellenkämmen kräuselten sich kleine Schaumkronen. Die Sonne war schon vor Stunden hinter der dichten Wolkendecke verschwunden und tauchte das Meer in diesiges Zwielicht. Ab und an schimmerten die Wellen wie flüssiges Bern auf, bevor sie sich träge am Strand brachen und dort im hellgrauen Sand versickerten. In den Sümpfen staute sich die Hitze des Tages zwischen den Bäumen, deren Wurzeln sich hoch über den austrocknenden Boden erhoben. Das Spanische Moos wehte in der leichten Briese, die vom Meer kam, jedoch kaum für Abkühlung sorgte.

    Attra saß auf dem harten Strandgras und blickte nachdenklich über den Horizont. Die Sonne würde wohl noch ein paar Stunden die Sümpfe in gelbliches Zwielicht tauchen, bevor sie im Meer versinken würde. Die Sturmschwester war zum Muscheln sammeln an den Strand gekommen, neben ihr lag vergessen der Eimer im Sand, den sie dafür mitgebracht hatte.

    Die hellgrüne Haut der Orcin war mit einem klebrigen Schweißfilm überzogen. Aufgrund der Hitze trug sie nur ihr Fellwams, das sie mit einer Kordel gegürtet hatte. Statt der üblichen Kräuterbeutel hing nur ein kleines Messer mit Holzgriff an ihrem Gürtel. Sie schloss die Augen, genoss jeden einzelnen Windhauch, der vom Meer kam und Abkühlung brachte. Ihre schwarzen Haare klebten ihr feucht an den Schläfen und lockten sich nass im Nacken. Den strammen Zopf, den sie sonst trug, hatte sie gelöst und eine Windböe ließ ihre Haarspitzen wie Rauch aufwirbeln.

    In der Ferne kreischten ein paar Möwen, die am Himmel ihre Kreise zogen. Alle anderen Geräusche, die aus dem Sumpf kamen, überdeckte das monotone Rauschen des Meeres. Attra öffnete die Augen wieder, ließ ihren Blick über die Seevögel zum Horizont schweifen und seufzte tief. Wie gerne hätte sie diesen friedvollen Augenblick mit jemandem geteilt.

    Der Sand unter ihren nackten Fußsohlen war noch warm von der Hitze des Tages, die Luft lag feucht und schwer über dem Strand. Die Orcin konnte das Salz in ihr schmecken. Bei jedem Atemzug sog sie tief den Duft nach Tang, nach vermodernden Blättern, Morast und dem Sumpfwasser, das sich hier mit dem Meer vermischte, ein. Bis auf das Rauschen des Meeres vor und der Baumwipfel hinter ihr war es vollkommen still am Strand.

    Irgendwann stand die Sturmschwester auf, löste die Kordel ihres Fellwams, zog es sich über den Kopf und legte beides sorgsam neben sich auf den Sand neben den vergessenen Muscheleimer. Dann ging sie mit festen Schritten über den Strand zum Wasser. Sie blickte einen Moment fast verträumt zum Himmel, der sich nun immer schneller verdunkelte, ging dann bis zur Hüfte ins Wasser, bevor sie sich wie ein Otter hinein warf und die dunklen Fluten mit kraftvollen Bewegungen ihrer Arme teilte.

    Attra tauchte unter, ließ sich mit offenen Augen in die Tiefe sinken, wie in die Arme eines Geliebten. Verharrte dort kurz, eins mit dem Ozean. Silbrig tanzten Luftblasen an ihrem Gesicht vorbei, bevor sie sich mit den Beinen am Meeresboden abstieß, wie ein Pfeil nach oben schoss und die Wasseroberfläche spritzend wieder durchstieß. Kurz kam ihr ein Gedanke:
    „Vielleicht will egh dies'n Moment doch nub teilen. Vielleicht senn er nur uur mere.“ Dann ließ sie sich wieder treiben und jeder Gedanke verlor sich in den Tiefen des Meeres.
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    von Attra » 24.10.2016, 09:31

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    Attra lag in der Schlafkoje, die im Gasthaus in Klingenhügel in die Wand eingelassen war und versuchte einzuschlafen. Die Feuerschalen in den Ecken des Raumes verbreiteten eine wohlige Wärme im Raum und auf dem Kochfeuer in der Mitte brutzelten noch immer einige Fleischstücke vor sich hin, die das Gasthaus mit ihrem Duft erfüllten. Attra hatte die Augen fast ganz geschlossen, nur durch einen Spalt zwischen ihren Wimpern fiel ihr Blick auf den Nacken des Orcs, der mit dem Schlauch Donnerschnaps in der Pranke Stellung vor ihrer Koje bezogen hatte. Ein Lächeln flog über ihr Gesicht, sie war wirklich froh, dass er eingewilligt hatte, sie zu begleiten. Dann wandten sich ihre Gedanken wieder dem Auftrag zu, der dafür gesorgt hatte, dass sie beide die Nacht in Klingenhügel verbringen mussten und sie schloss die Augen komplett. Sie hatten eine Nachricht überbringen sollen und Attra war nicht ganz sicher, ob sie nicht hätte andere Worte finden müssen.

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    Mit einem lautlosen Seufzer griff sie nach der dreieckigen Zahnspitze, die sie an einem Lederband um den Hals trug, kuschelte sich tiefer unter die Felldecke und ließ die Gedanken schweifen. Sie waren lange geritten und hatten nach Stunden im Sattel endlich das Wegekreuz erreicht, um dort dem Anführer des Sturmwolf Clans eine Einladung zum gemeinsamen Kosh’harg Fest zu überreichen. Es war noch ein weiterer Orc anwesend, der einen langen und komplizierten Titel trug, der ihn als Gronntöter auszeichnete. Es wurden die richtigen Worte der Gastfreundschaft gesprochen und Attra hatte die Einladung überreicht.

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    Der Anführer des anderen Clans hatte noch viele Fragen zu den Feierlichkeiten, wer sonst noch eine Einladung erhalten hatte, wo genau es stattfinden würde, wann es stattfinden sollte. Und mit jeder Antwort, die die Sturmschwester gab, konnte sie fühlen, wie der Anführer der Sturmwölfe ihr gegenüber immer missbilligender die Stirn runzelte. Irgendwann gab sie auf, ihm erklären zu wollen, dass den Ahnen der Ort, an dem sie geehrt wurden nicht so wichtig war, dass es nur wichtig war, sie weiterhin in seinem Herzen wohnen zu lassen. Attra sollte nur eine Einladung überbringen, nicht die Herzen ihres Gegenübers so anrühren, dass er auch zu kommen gewillt war. Vielleicht waren seine Ahnen hartherziger, unwilliger dem Neuen gegenüber. Attra hätte fast lachen können bei der Vorstellung, ihre Mak’hai würde Neuerungen anders als mit offenen Armen entgegensehen.

    Stirnrunzelnd drehte die Orcin sich auf den Rücken und starrte die niedrige Decke ihrer Schlafkoje an. Irgendwann hatten sie sich sehr förmlich voneinander verabschiedet und die Sturmschwester war froh, dass sie sich auf den Heimweg machen konnten. Über Nacht wollten sie beide nicht bleiben. Attra hatte nicht wirklich das Gefühl, den Sturmwolf Clan beim Kosh’harg Fest zu treffen, auch wenn deren Anführer ihr am Anfang des Gespräches die Zusage gemacht hatte, dass sie kommen würden.

    Mit einem stummen Seufzen schloss sie wieder die Augen und ihre Gedanken kehrten zum Rückweg und dem Orc neben sich zurück. Sie waren bis Klingenhügel geritten und dort ins Gasthaus eingekehrt. Die Nacht hatte den Himmel schon lange wie Tinte eingefärbt, die den funkelnden Sternen den richtigen Hintergrund zum Strahlen gaben. Die Sterne über Durotar waren ihr noch immer so viel bekannter, als die über dem Sumpf. Sie hatten noch lange über den Abend gesprochen, über das Eschental und Dinge, die früher gewesen waren. Als Attra sich zum Schlafen hinlegte, hatte sie das diffuse Gefühl, dass dies nicht das letzte Gespräch dieser Art sein sollte.

    Dann lenkte die Sturmschwester ihre Gedanken auf ihren Clan, ihre Heimat. Und schlief mit einem Lächeln auf den Lippen ein.
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